Anushka

anushka

Anushka ist wahrscheinlich genau so eine. Sicher ist es aber nicht. Sie fiel mir auf der Geburtstagsparty einer Freundin auf. Vor allem dadurch, dass sie im blitzenden Licht des Clubs – jetzt hätte ich beinahe etwas mit Lichtorgel geschrieben, fand es dann aber zu unmodern – ständig auf einem sie über alle anderen Gäste hebenden Möbelstück stand, um sich übertrieben sexy posierend fotografieren zu lassen. Gut. Alkohol tut da ja sein Nötigstes. Zumindest holt er versteckte Charakterzüge zum Vorschein.

Mein Kumpel und ich hatten den Abend innerhalb der ersten fünf Minuten sofort mit Wodka begonnen, weil uns auffiel, dass wir beide einen ziemlichen Stock im Arsch hatten. Kein Wunder. Als wir vorher am Eingang eintrafen, stand dort eine Horde ziemlich gutaussehender, uns grinsend musternder Frauen. Plötzlich ist er dann mal weg, der Mut. So fühlt sich also ein Stück Schweinelende vor dem Faschieren.

Zumindest erfuhr ich Anushkas Namen, der mir, einige stark alkoholische Getränke später, als Aufhänger zu einem Gespräch mit ihr diente, nachdem mein Kumpel meinte, ich solle sie ansprechen. Ich klinkte mich aus unserer Gruppe aus und lief auf sie zu.

Ich (James Bond): „Anushka.“

Sie (Bond-Girl mit Akzent): „Richtig.“

„Weil du Russin bist?“

„Ukrainerin.“

„Dann war das eine Beleidigung.“

„Heute nicht mehr. Früher ja.“

„Warum?“

Guter Anfang, dachte ich. Und sie gab mir tatsächlich eine recht ausführliche Erklärung mit geschichtlich-wirtschaftlichem Abriss. Allerdings hörte ich ihr kaum zu, weil mich ihre vollen Lippen mehr interessierten. Nicht, dass ich etwas mit ihr vor hatte. Schließlich bin ich in guten Händen. Aber so wie meine bessere Hälfte gucken darf, erlaube ich mir dies ebenso. Ich griff ein paar Satzfetzen auf und paraphrisierte ihre Erzählung. Nein, eigentlich paraphrasierte ich nicht. Ich wollte nur das Wort verwenden, weil es so schlau klingt. Eigentlich war es das typische „Aha… ja… mhm… ach wirklich…“. Sie schien mein Interesse zu würdigen. Funktioniert halt immer wieder.

Dann wechselten wir das Thema. Anushka offenbarte mir, dass sie gerade von dem Mädel, welches weniger anziehend neben uns stand und welches ich weiterhin versuchte auszublenden, angemacht wurde. Und ich bekam den Eindruck, dass diese es ernst mit ihr meinte.

Als ich spürte, dass der darauf folgende Smalltalk begann ins Belanglose abzudriften, verabschiedete ich mich rechtzeitig für den Moment, verließ das Zweiergespann und klinkte mich wieder in meine Gruppe ein.

Diverse alkoholische Getränke später, fand ich Anushka wieder rauchend vor der Clubtür. Umringt von Kerlen mit Migrationshintergrund, alle locker 15 Jahre jünger als sie. Einer davon versuchte sie gerade mit coolen Sprüchen zu beeindrucken. Ich legte meinen Arm unter ihre Taille, ging mit meinem Gesicht nah an ihr Ohr, so dass ich ihre glatten Haare spürte und säuselte ihr ins Gehör, sie solle keinesfalls irgendetwas von dem glauben, was der Kerl ihr erzählte. Überhaupt machte ich alle seine Versuche zunichte, indem ich sie ihr entlarvend zuflüsterte. Sie grinste und ließ meinen Arm bei sich verweilen.

Weitere diverse Getränke alkoholischer Natur später, nachdem ich mir bereits alle Stöcker aus dem Arsch gesoffen und im Club sogar tanzend die Bardame an mich gerissen hatte, war die Party plötzlich um fünf Uhr morgens zuende. Die letzten Partygäste, darunter mein Kumpel und Anushka, versammelten sich notgedrungen vor dem Club und liefen kurzerhand in Richtung Straße. Vollkommen überzeugt von meiner charismatischen Art bedankte ich mich bei Anushka für den netten Plausch und bot ihr – eigentlich wollte ich lediglich ihre Reaktion testen – den finalen Abschlusskuss an. Ich war halt besoffen. Ihre Replik war ein nettes aber bestimmtes: „Nein, du küsst mich nicht.“ Ich respektierte das und überließ sie den jüngeren Migranten zum Fraß. Wer weiß, wie lange die es noch vergebens versucht haben.

Mein Kumpel und ich taumelten zur Bahn. Während der Heimfahrt setzte die Müdigkeit ein. Mit einem Hammerschlag wurde mir speiübel. Wir stiegen aus. Mein Kumpel war da sehr solidarisch und versicherte mir, wir stünden das gemeinsam durch. Ich steckte mir außerhalb des Bahnhofs in einer dunklen Ecke einen Finger in den Hals. Das half.

Irgendwann – die restliche Bahnfahrt über hielt ich mich wacker – war ich zuhause und fragte mich, was das war. Anushka. Mysteriöse Frau. Zum Spielen. Ich muss sie nicht wieder sehen.

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