Unsere Nachbarin und der Karton – Teil 1/2

Über uns wohnt eine Frau von 63 Jahren, die noch gar nicht so wirkt und ab und zu beim Restaurant um die Ecke putzt. Nennen wir sie aus Gründen des Datenschutzes einfach Lieselotte H. Oder noch besser L. Huebermann. Frau Huebermann hat ein Leben voller Gram tief ins Gesicht gemeißelt. Da hilft kein Makeup und kein Fugenkleber.

Nun trug es sich zu, dass mein mich liebendes und ehrendes Weib – im Übrigen tippe ich diesen Text um halb zwei in der Nacht auf meinem Smartphone und habe mich bis hierhin bereits 1500 mal vertippt – in einem Aufräumwahn einige durchaus brauchbare Kleinigkeiten des täglichen Lebens aussortierte, um Platz zu schaffen für neues brauchbares, sinnnloses Zeug, diese dann liebevoll in eine Kiste packte und zum verschenken in den Hausflur unten am Eingang des Treppenhauses stellte. Im Hintergrund dazu lief „Morgenstimmung“ von Edvard Grieg und lächelnd singende Spatzen umschwebten ihr sanftmütiges Antlitz im glitzernden Frieden des  Sonnenscheins. So weit, so Disney.

Als ich einige Zeit darauf unsere Wohnung verlassen wollte und aus der Wohnungstür trat, stand eben dieser Karton davor. Dass er die zwei Stockwerke nicht alleine erklommen hatte, leuchtete ein. Ich zog meine linke Augenbraue hoch und ging zurück in die Wohnung, um meine dadurch völlig verstörte Partnerin über sich soeben Zugetragenes zu unterrichten. Diese schnappte sich auf mein Anraten ein Blatt Papier und schrieb darauf, dass die Gegenstände in der Kiste zu verschenken seien und sich etwaige Gegner solch sozialer Nachbarschaftprojekte gerne persönlich bei uns an der Tür melden dürften. Papier an den Karton geklebt und diesen wieder unten im Flur drapiert. Und ich freute mich bereits auf ein erfrischendes Tür-und-Angel-Gespräch mit einem unserer Nachbarn.

Nun dauerte es nicht lange, bis sich folgendes abspielte. Ich schritt ein fröhliches Lied pfeifend auf dem Weg in Richtung Badezimmer an unserer Haustür vorbei, als ich durch das schwere Holz ein lautstarkes Gespräch zwischen Frau Huebermann, die, wie bereits erwähnt, über uns wohnt und unserer Nachbarin von unterhalb, vielleicht ebenso alt, wie Frau Huebermann, nennen wir sie Frau Glompf, mitverfolgen konnte. Übrigens liebe ich verschachtelte Sätze. Frau Huebermann beschwerte sich nun empört bei Frau Glompf darüber, dass ständig irgendwelcher Müll im Flur stehen würde. Wie unverschämt das sei. Und keiner würde doch solch Müll noch wollen. Et cetera trara trara. Dann hörte ich Schritte die Treppe empor steigen. Ich blieb hinter der Tür stehen und wartete auf das Klingeln. Mein Puls verschnellerte sich und ich legte mir erste Worte zurecht. Dann jedoch hörte ich nur, wie der Karton erneut vor unserer Wohnungstür abgelegt wurde und die Schritte weiterzogen. Das kann nicht sein, dachte ich. Erzürnt durch die uns entgegengebrachte Feigheit – schließlich war der Zettel am Karton unmissverständlich – riss ich die Wohnungstür auf, stürzte auf den Treppenabsatz und sah Frau Huebermann bereits auf halber Treppe aufwärts. „Herkommen!“, befahl ich diktatorisch. Sie wirkte leicht konsterniert. „Herkommen!“, befahl ich erneut und zeigte neben meinen rechten Fuß, als würde ich einen Schäferhund erwarten, der neben mir Platz macht. Frau Huebermann begann sofort zu zetern, warum wir unseren Müll einfach so abladen würden, ständig würde irgendwo etwas stehen – unser Eingangsflur ist eine Tauschbörse, was Frau Huebermann aber anders sieht -, sie sei hier schließlich Mieterin – wir sind im übrigen Wohnungsbesitzer und wären, sofern solch Argumente irgendeinen Rang symbolisieren, höher gestellt –  und überhaupt meine Art mit ihr zu reden gefiel ihr gar nicht so recht. Tatsächlich ließ sie mich kaum zu Wort kommen, hörte mir nicht zu und hatte mittlerweile die Flucht nach oben ergriffen. Sie ging mir und einem Wortwechsel also einfach aus dem Weg. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als immer lauter zu werden. Ich befahl ihr, sie solle sofort zurück kommen und den Karton wieder in den Flur stellen. Natürlich tat sie das nicht. Stattdessen verschanzte sie sich hinter ihrer Wohnungstür. Ich klopfte noch eine Weile und klingelte Sturm. Zudem setzte ich sie über meine Vermutung in Kenntnis, sie hätte unlängst die Ventile am Fahrrad meiner Partnerin aufgeschraubt, weil das Rad nicht im Innenhof stand, wie alle anderen. Wenn mich etwas in Rage versetzt, dann Feigheit und ungerechtes Behandeln. Hier traf beides zu. Frau Huebermann schrie durch die Tür zurück, ich solle gefälligst verschwinden und sie würde die Polizei rufen.

Wird Frau Huebermanns Tür meinem Klopfen standhalten? Wird sie sich erweichen lassen, den Karton wieder in den Eingangsbereich zu stellen? Werde ich eine Horde Neonazis mit Gummibärchen bestechen und in ihre Wohnung jagen, mit dem Auftrag Frau Huebermanns Sammelkatzen niederzubrennen?

All dies erfahrt Ihr im zweiten Teil. Bleibt am Ball!


Nachtrag:

Ich freue mich sehr, dass ich spontan zwei Leser inspiriert habe und möchte an dieser Stelle auf ihre Beiträge verweisen. Danke und bleibt mir gesonnen.

thelaminatrixisback – Sontschi und der Wanzenmann

jpblind’s blog – Die Zauberwohnung oder anders meine Nachbarn!!!

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5 Gedanken zu “Unsere Nachbarin und der Karton – Teil 1/2

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