Hawaii Hotel

Der beißende Geruch meiner Kotze hatte mich wieder erwachen lassen.

Wobei ich nicht wirklich wach war. Nein. Ich hatte Mühe mich aufzurichten und war froh den hochflorigen Teppich unter mir zu spüren. Lediglich meine nackten Füße froren auf den kalten Badezimmerfliesen. Die Lufttemperatur glich der in einer fensterlosen Bahnhofshalle im Winter. Das Licht blendete durch den Schleier vor meinen Augen und zwischen meinen Schläfen pochte es stechend.

Mittlerweile hatte ich meinen Kopf auf Höhe des Toilettenrandes

heben können. Mein rechter Unterarm platschte auf die Klobrille und ich zog mich ein Stück weit herauf. Die chemische Meeresbrise des Klosteins. Ich schaute mich um. Nun, getroffen hatte ich das verdammte Klo. Allerdings nur von außen. Und drum herum. Überall braunrote Soße. Scheiß Alkohol. Ich muss ihn sein lassen. Aber wie oft habe ich das schon gesagt? Hundertmal? Tausend? Erst jetzt bemerkte ich die Musik im Hintergrund. Stones. Gimme Shelter. Mein Gott… der schöne Badezimmerteppich.

Ich bewegte mich in Zeitlupe und mochte am liebsten wieder in den flauschigen Hochflor zurück gleiten. Keine Ahnung, wie ich hier her gekommen war. Zumindest saß ich noch vor wenigen Stunden an der schweren Massivholz-Bar des Hawaii Hotel in Berlin. Zuvor hatte ich mich mehrere Stunden in meinem Zimmer verschanzt und randaliert, da meine Unterkunft nicht dem Standard eines weltweit berüchtigten Etablissements entsprach. Dies schrie nach einem Aufstand. Außerdem hatte ich ein Apartment erwartet, welches mich laut Webseite schwer an Fear And Loathing In Las Vegas erinnerte. Und günstig schien es. Wenn ich geahnt hätte, dass es sich bei der Abbildung im Netz um eines der teuersten Zimmer handelt, hätte ich mir die Sache nochmal durch den Kopf gehen lassen. Fickschweine, reudige! Bei diesem Spottpreis hätte ich es einfach ahnen müssen.

Aber es war zu Spät. Ich war hier. Und ich hatte mich geweigert mehr Geld zu bezahlen, wollte aber auch nicht in diesem 10 Quadratmeter kleinen Quader mit Möbeln von der Resterampe ausharren. Also stand ich kurzerhand vor dem Empfang, beleidigte den Portier, der darauf den Geschäftsführer rief, den ich ebenso beleidigte. Als dieser mich am Arm packen wollte, riss ich mich los, pfefferte sämtliche Ansichtskarten und Flyer auf den roten Veloursteppich und taumelte fluchend geradewegs in den alten Lift, der mich krachend empor hob. Beim Aussteigen konnte ich schnelle Schritte mehrerer Personen aus dem Treppenaufgang ausmachen. Darum rannte ich kurzerhand in meine Resterampe zurück und verrammelte die Tür mit einem klapprigen Kleiderständer. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis das Hämmern und Fluchen von der anderen Seite verstummte.

Ab diesem Moment musste ich mit dem Eintreffen der Polizei rechnen. Bis ich mir sicher sein konnte, niemanden vor der Tür anzutreffen, wärmte ich mich am Fenster mit ein paar Fläschchen Schnaps aus der Minibar. Entspannung waberte aus meinem Hirn in Richtung aller Gliedmaßen. Eine wohlige, hochflorige Entspannung. Die Straße vor dem Hotel warf mir ihren lärmenden Gestank entgegen. Ich warf ein paar Schnapsfläschchen zurück. Sie zersprangen auf dem Straßenpflaster. Keine Spur von Polizisten. Polizisten! Ein Plan musste her. Ich konnte nicht in diesem Zimmer bleiben. Mein Koffer war noch gepackt. Langsam zog ich den Kleiderständer unter dem Türknauf hervor und lugte in den langen Gang vor dem Zimmer. Da niemand zu sehen war, griff ich meinen Koffer, schloss leise die Tür hinter mir und rannte über die Treppe sechs Stockwerke empor.

Mit meiner Kreditkarte öffnete ich eine der schwersten Türen, die ich fand und stand staunend in der größten Sweet des Hotels. Nicht schlecht, dachte ich, warf meine Plünnen auf das hochkarätig verzierte Himmelbett, räumte die riesige Bar leer und betrank mich gnadenlos. Es war ein Fest. Endlich war ich zufrieden. Und nicht viel später riss mir der Film, bis ich hier erwachte. Wie ich es unbemerkt aus dem Hotel geschafft hatte, ist mir bis jetzt ein Rätsel.

„Fickfotzengedöns!“, schrie ich sabbernd. Ich musste aufräumen. Schnell. Akurat. Später.


David Marshall

Autor: David Marshall (Gründer von MassenWort)

Schreiber, Musiker, Zeichner und mehr. Denkt viel, rülpst viel, textet gerne. Tiefgründig, wenn gewollt. Aber Stock im Arsch? Fehlanzeige. Mit einem Augenzwinkern nimmt er nicht alles so bitterernst. Sich selbst schon gar nicht.


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